Diskussion:Was vernünftig ist, ist wirklich

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Helmut: Es sollte nicht wundern, dass mich obiges nicht überzeugt. Ich füge ein weiteres Zitat, aus den Grundlinien der Philosophie des Rechts an:

"Als philosophische Schrift muss sie [die Grundlinien der Philosophie des Rechts] am entferntesten davon sein, einen Staat, wie er sein soll konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr liegt, kann nicht darauf gehen, den Staat zu belehren, wie er sein soll, sondern wie er, das sittliche Universum, erkannt werden soll. (griechisch) Hic Rhodus, hic saltus. Das was ist, zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft. Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit; so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken gefasst. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus."

Ich denke, daraus geht mehr als klar hervor, was das Programm von Hegels Philosophie im allgemeinen ist. Mit Hegels Worten: es ist töricht zu meinen, Hegels Philosophie gehe (wesentlich) über die Erkenntnisse der Zeit von vor 200 Jahren hinaus.

Helmut L.

[Bearbeiten] Antwort Kai

bevor ich auf das Zitat eingehe, zwei Bemerkungen zu deiner Interpretation:

a) Was ist hier das Argument fuer Dich? Hegel bringt hier ja gerade kein Argument sondern gibt uns sozusagen auf, die moeglichen Argumente dafuer zu suchen (denn das uns etwas als richtig, in Übereinstimmung mit unseren vorurteilen erscheint, ist ja selbst noch kein Argument sondern selbst begruendungswert).

Der Glaube, dass wenn Hegel hier etwas sagen würde, waere das fuer sich ein Argument ercheint mir reichlich autoritätsgläubig (und ist auch eien Unart in dem sonst ueblichen Zitatenwesen im Alltag, nach dem Motto "Goethe sagt"... Diese Unart wird ja auf den Zitate Seiten auf hegel-system.de implizit veralbert).

b) Offensichtlich liessest du dir das Zitat ja auch sonst nie einleuchten: dass das was, sagen wir Euklid in seiner Geometrie gesagt hat völlig veraltet ist oder Newton (oder Smith fuer die Neoliberalen, oder Marx fuer die Marxisten oder die jeweiligen Religionsgruender für die Religiösen usw) und uns heutzutage nichst mehr zu sagen hat, auf den Muell geschmissen gehört, behauptet doch heutzutage wohl im ernst niemand? Wenn dann ist jeweils extra anzugeben, welche Einschränkungen denn genau im Lichte bessere Erkentnisse im nachhinein zu machen sind (und diese Einschränkungen waeren selbstkritisch zu prüfen). Ohne solche Argumente und kritischen Prüfungen ergibt sich sonst nur ein (voellig zu unrecht) selbstischerer Dogmatismus.

OK, ich erkläre nun fuer dich das Zitat:

"Als philosophische Schrift muss sie [die Grundlinien der Philosophie des Rechts] am entferntesten davon sein, einen Staat, wie er sein soll konstruieren zu sollen; die Belehrung, die in ihr liegt, kann nicht darauf gehen, den Staat zu belehren, wie er sein soll, sondern wie er, das sittliche Universum, erkannt werden soll.

Ist sicherlich klar: Wissenschaft erklaert das was da ist, statt sich auszudenken, wie die Wirklichkeit stattdessen sein sollte. Aus der Erklärung dessen was ist ergeben sich dan schon ggfs. Änderungswünsche und man weiss dann auch inwiefern diese moeglich sind. Eine Grundlegung der Maßstäbe, die dann natuerlich auch in der Rechtsphilosophie gelten, an der die Zustände dann auch nicht mehr willkuerlich sondern wissenschaftlich fundiert gemessen werden koennen (und die diesen dann keine externe Kritik ist, sondern eien immanente, da sie Werke des menschlichen Geistes sind), wird uebrigens von Hegel in der Logik geleistet.

Das was ist, zu begreifen, ist die Aufgabe der Philosophie, denn das was ist, ist die Vernunft.

s.o.

Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit; so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken gefasst. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus."

Das Starke Behauptung daran ist "die Philosophie [ist] ihre Zeit in Gedanken gefasst". in der Tat kann man das z.B. von der Descartesschen, Leibnizschen oder auch Hegelianischen Philosophie mit einigem Recht sagen.

Die Frage ist sodann, wo denn genau "ihre Zeit" anfaengt und endet. Die meisten Hegelianer meinen, das wir noch heute - was die von ihm aufgezeigten Grundprobleme angeht- immer noch in der Zeit leben, die Hegel zusammenfasst (und das auch solange weiter werden, wie wir die von ihm aufgezeigten Probleme lösen werden).

Ansonsten ist das Zitat ja einerseits eigentlich selbstverständlich: das wir uns irren können, das wir also nur dort die Wahrheit sagen, wo wir uns nicht irren, eine Beschränkung als etwas fixes/unueberwindliches nehemn, sie nicht ueberschreiten usw. ist selbstverständlich. Auf der anderen Seite ist aber klar, das dieser Einwand, um produktiv zu werden, ein inhaltlich begründeter sein muss (siehe dazu Unwissenheit und Skeptizismus). Von daher lässt sich aber das evtl. mangelhafte nur von einer überlegenen Position formulieren, bis dahin ist ja garnicht klar worin denn die angeblichen, nur möglichen Mängel bestehen.

Wenn Hegel diesen Satz hier einflechtet, dann ist es weniger, weil er darauf hinweisen will, dass er als endliches Individuum Fehler machen kann (was selbstverständlich ist, so dass man es auch nicht immer extra dazu sagen muss), sondern weil der Satz (wie hier idealtypisch von Helmut vorgefuehrt) immer nur unkritisch von seinen Gegnern gebraucht wird, denen imemr sofort einleuchtet, dass alles was Hegel anders denkt als sie, bestimmt nur zeittypisches Vorurteil ist (oft ohne dann einen Fehler nachweisen zu können), waehrend sie selbst ihre Ansichten schon deshalb für über aller Kritik erhaben sehen, weil sie doch zu einer späteren Zeit leben (man könnte hingegen ja mit dem selben Recht aus der Abweichung zwischen Hegel und einem Kritiker heute auf die Möglichkeit schliessen, dass dann vielleicht der Kritiker heute nur dem Zeitgeist aufsitzt und seine eigenen (heutigen) Zeit nicht überschreitet).

Aus dem letzteren kommt noch ein dritter, vielleicht paradoxer Aspekt: eben darin, das wir darauf hinweisen, dass wir die nicht überwindbaren (was sich immer erst im Nachhinein herausstellt) Vorurteile (ebenso) unserer Zeit nicht ueberwidnen koennen, fordern wir uns auf, diese zu prüfen und überwinden so mehr Vorurteile als wenn wir uns in bornierter Sicherheit waehnen (etwa im Sinne des Brechteschen Gedichts "Der Zweifler").

Kai

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